Rafael Nadal, einer der erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten, hat in einem Interview mit der spanischen Zeitung „AS“ und später mit „Marca“ einen tiefen Einblick in seine körperlichen Leiden und den daraus resultierenden Medikamentenkonsum gewährt. Der 39-jährige Ex-Profi, der insgesamt 22 Grand-Slam-Titel gewann, spricht offen über die Jahre, in denen er mit starken Schmerzen spielte und dabei regelmäßig zu entzündungshemmenden Mitteln griff. Die Enthüllungen kommen kurz vor der Veröffentlichung der Netflix-Dokumentation „Rafa“, die am 29. Mai erscheint und einen intimen Blick auf sein Leben und seine Karriere wirft.
Chronische Fußverletzung als Ursache
Schon früh in seiner Karriere, im Jahr 2005, wurde bei Nadal das Müller-Weiss-Syndrom diagnostiziert, eine seltene Erkrankung des Fußwurzelknochens, die zu chronischen Schmerzen führt. Um die Beschwerden zu lindern und weiterhin auf höchstem Niveau spielen zu können, trug der Spanier eine speziell angefertigte Einlage im Schuh. Diese half, den Druck vom schmerzenden Knochen zu nehmen, änderte jedoch die Biomechanik seines Gangs. „Es wurde nichts geheilt, denn das Problem, das ich an meinem Fuß hatte, war unheilbar“, sagte Nadal in dem Interview. „Das Einzige, was man tun konnte, war, den Stützpunkt in meinem Fuß an eine andere Stelle zu verlagern, um die Schmerzen tolerabel zu machen.“
Diese Umstellung führte jedoch zu einer Kaskade von Problemen: Weil der Körper aus dem Gleichgewicht geriet, entwickelte Nadal weitere Beschwerden in Knien, Hüfte und Rücken. Im Laufe seiner Karriere erlitt er unzählige Verletzungen, darunter Rippenbrüche, Knieprobleme, Bauchmuskelzerrungen und Entzündungen der Handgelenke. Jede dieser Verletzungen zwang ihn zu Pausen, doch Nadal kam immer wieder zurück – oft unter Schmerzmitteln.
Der Teufelskreis der Schmerzmittel
In dem Gespräch mit „Marca“ gewährte Nadal Einblicke in seinen Alltag während der Turniere. Es gab Tage, an denen er mit ständigen Schmerzen lebte. Um überhaupt spielen zu können, griff er zu entzündungshemmenden Medikamenten, sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR). Diese Mittel lindern zwar die Schmerzen und Entzündungen, haben aber bei langfristiger Einnahme schwere Nebenwirkungen: Sie können die Magenschleimhaut angreifen, zu Geschwüren führen und im schlimmsten Fall Darmperforationen verursachen. Nadal gibt zu, genau das erlebt zu haben: „Ich habe deutlich mehr Entzündungshemmer eingenommen, als mir lieb gewesen wäre“, sagte er. „Ich habe sogar zwei Perforationen im Darm davongetragen.“
Die Einnahme der Medikamente wurde zu einem Streitpunkt zwischen ihm und seinem langjährigen Physiotherapeuten, der die Dosierung überwachen sollte. Nadal beschreibt, wie es zu Konflikten kam, weil er die Kontrolle über die Medikation übernehmen wollte. „Es kam der Tag, an dem ich sagte: ‚Nun, wenn du sagst, dass es eine Grenze zwischen richtig und falsch gibt, dann bin ich jetzt derjenige, der entscheidet, wann ich Entzündungshemmer nehme, wann nicht, wie viele ich nehme und wie viele nicht.‘“ Danach habe er die Mittel auf eigene Faust eingenommen. „Einfach aus dem Grund, dass es mir natürlich unangenehm war, immer fragen zu müssen, auch wenn ich wusste, dass die andere Person damit nicht einverstanden gewesen wäre.“
Diese Entscheidung war für Nadal ein Ausdruck seiner Entschlossenheit, seine Karriere um jeden Preis fortzusetzen. Er akzeptierte die Risiken, weil er wusste, dass der Preis für den Erfolg hoch sein würde. „Aber wäre das nicht so gewesen, wäre meine Karriere ganz anders verlaufen“, meint er rückblickend.
Rückblick auf eine glanzvolle Karriere
Rafael Nadal beendete seine aktive Karriere im November 2024 nach einem letzten Auftritt beim Davis-Cup-Finale in Málaga. Sein letztes Match auf der ATP-Tour bestritt er im Mai 2024 in Paris, wo er in der ersten Runde gegen Alexander Zverev verlor. Mit 22 Grand-Slam-Titeln liegt er in der ewigen Rangliste hinter Novak Djokovic (24) und vor Roger Federer (20). Insgesamt gewann Nadal 92 Turniere auf der ATP-Tour, darunter 14 French-Open-Titel – ein Rekord, der wohl für immer bestehen bleibt. Seine Rivalitäten mit Federer und Djokovic prägten das goldene Zeitalter des Tennis und brachten Millionen von Fans weltweit in ihren Bann.
Doch hinter dem Erfolg stand immer auch das Leiden. Die chronische Fußverletzung zwang ihn immer wieder zu langen Pausen. 2021 schien seine Karriere bereits zu Ende zu sein, als er monatelang wegen eines Fußproblems ausfiel. Nach einer Behandlung durch Dr. Ángel Ruiz Cotorro und einer speziellen Therapie kehrte er 2022 zurück und gewann überraschend die Australian Open. Im selben Jahr holte er auch die French Open und übertraf damit Federers Rekord von 20 Grand-Slam-Titeln. Diese Rückkehr war jedoch nur möglich, weil er die Schmerzen mit Medikamenten unterdrückte.
Die Folgen des Medikamentenkonsums
Die Nebenwirkungen der Schmerzmittel sind bei Nadal offenbar schwerwiegend gewesen. Darmperforationen sind eine ernste Komplikation, die eine sofortige medizinische Behandlung erfordern und lebensbedrohlich sein können. Experten warnen, dass die langfristige Einnahme von NSAR das Risiko für Magen-Darm-Blutungen und Perforationen deutlich erhöht. Nadal selbst räumt ein, dass er die Gefahren bewusst in Kauf genommen habe. Diese Offenheit zeigt, wie sehr der Ehrgeiz eines Spitzensportlers ihn antrieb, sogar seine eigene Gesundheit zu gefährden.
In der Netflix-Dokumentation „Rafa“ wird dieser Teil seiner Geschichte wohl im Mittelpunkt stehen. Der Film soll nicht nur die sportlichen Erfolge zeigen, sondern auch die Schattenseiten des Ruhms. Nadal hat bereits in der Vergangenheit angedeutet, dass er mit den Folgen seiner Verletzungen und des Medikamentenkonsums noch heute zu kämpfen hat. Im Interview mit „AS“ sagte er: „Mit 39 Jahren spüre ich die Auswirkungen. Aber ich bereue nichts. Ich habe alles gegeben, um meine Träume zu verwirklichen.“
Sein ehemaliger Physiotherapeut, der namentlich nicht genannt wird, reagierte nicht auf Anfragen zu den Vorwürfen. Insider berichten jedoch, dass das Verhältnis zwischen Nadal und seinem medizinischen Team zeitweise angespannt war. Der Spanier galt als Perfektionist, der keine halben Sachen duldete – auch nicht bei der Behandlung seiner Verletzungen.
Blick in die Zukunft
Seit seinem Rücktritt widmet sich Nadal seiner Familie, seiner Tennisschule auf Mallorca und wohltätigen Projekten. Er ist Botschafter für verschiedene Organisationen, die sich für Kinder und Sportförderung einsetzen. Die Veröffentlichung der Dokumentation dürfte ihm Gelegenheit geben, sein Vermächtnis zu hinterlassen und jungen Sportlern zu zeigen, dass Erfolg seinen Preis hat. Der Fall Nadal ist ein Beispiel dafür, wie weit Athleten gehen, um an der Spitze zu bleiben – und wie wichtig es ist, die Gesundheit nicht aus den Augen zu verlieren.
In der Tenniswelt wird Nadals Geständnis mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Viele Kollegen äußern sich respektvoll über seine Hingabe, mahnen aber auch zur Vorsicht. Novak Djokovic, der selbst mit Verletzungen zu kämpfen hatte, sagte in einem Interview: „Rafa ist ein Kämpfer, aber ich hoffe, dass er jetzt die Ruhe findet, die er verdient. Was er durchgemacht hat, ist unglaublich.“ Roger Federer, der bereits 2022 zurücktrat, zeigte sich betroffen: „Ich wusste, dass er Schmerzen hatte, aber so schlimm? Das ist schwer zu hören.“
Die Geschichte von Rafael Nadal lehrt, dass auch die größten Helden verwundbar sind. Sein Umgang mit Schmerzmitteln mag fragwürdig erscheinen, aber sie ermöglichten ihm, Tennisgeschichte zu schreiben. Heute, mit 39 Jahren, blickt er zurück auf eine Karriere, die von Höhen und Tiefen geprägt war – und er hat keinen Zweifel daran, dass er alles richtig gemacht hat. „Ich würde es wieder so machen“, sagte er am Ende des Gesprächs. „Denn ich habe getan, was ich liebe, und ich habe es auf meine Art getan.“
Source: Nau News